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Fausto Melotti

Fausto Melotti, 2013
Fausto Melotti, 2013
Galerie Karsten Greve Köln

5. April – 22. Juni 2013
 
Fausto Melotti gilt als Pionier der geometrischen Abstraktion in Italien. Sein künstlerischer Ruf gründet auf jenen geometrisch-abstrakten und zugleich figürlich-poetischen Gebilden, welche imposant die zwei formenden Disziplinen seines Schaffens aufzeigen: die Musik und die Ingenieurskunst. Daneben hinterließ er ein umfangreiches zeichnerisches Werk sowie keramische Arbeiten und seine Teatrini, welche sich durch ihre unverwechselbare Handschrift mit jenen phantasievollen Drahtskulpturen zu einem überraschend in sich geschlossenem Gesamtwerk verbinden. Die Galerie Karsten Greve widmet Fausto Melotti als Vorreiter einer absoluten Kunst erneut eine umfassende Einzelausstellung.
 
Mit Leichtigkeit balanciert Melotti zwischen Stilen und Bewegungen, Gattungen und sogar Disziplinen, ohne dass sein Werk je von einer bildnerischen Formensprache vereinnahmt würde. Kennzeichnend steht die unentwegte Suche nach neuen Materialien und Gestaltungsmöglichkeiten. Stein, Bronze, Gips, Ton und Terrakotta, Messing, Stahl oder Kupfer, darunter auch gefundene Materialien – scheinbar spielend arrangiert er seine Kunst zu geheimnisvoll fabulierenden Objekten, die in ihrer Konstruktion durch Zahlen, Maße, Proportionen und rationale Mechanik kontrastiert werden. Ähnlich wie sein Zeitgenosse und langjähriger Freund Lucio Fontana sucht auch Melotti früh die substanzielle Darstellung der Dinge frei von allen Nebensächlichkeiten und zeigt in seinen Arbeiten das Streben nach einer Einfachheit im Ausdruck und in der Behandlung und der Auswahl des Materials auf. Inspiriert durch seinen Anschluss an den Kreis der rationalistischen Abstrakten um die Galleria del Milione in Mailand ab 1933/34 nähert er sich seiner künstlerischen Vorstellung: streng geometrische Konstruktionen im Sinne der platonischen Ideenlehre. Als Leitgedanke steht die Modulation, denn diese, so Melotti, „kommt von Modul = Regel = Ordnung.“ Jene Arbeiten werden vereinheitlicht als Skulptur mit einer Nummer betitelt und reminiszieren der Musik, Mathematik, Bildhauerei und schließlich der Architektur. Stilistisch blickt diese revolutionäre Formenvereinfachung früh auf den Minimalismus der 1960er Jahre.
 
Als Quelle seiner Arbeit dient Melotti stets die eigene Zeichnung, die ebenso sämtliche Medien und Möglichkeiten auslotet. Tausende Bleistift- und Federzeichnungen, Pastelle und Aquarelle bezeugen die sakrale Bedeutung als Vermittler von Gedanke und Hand und kommunizieren auf diese Weise mit den verschiedenen Gattungen: zunächst die keramischen Vasen, die freien Figurinen aus Terrakotta und die in deren Weiterentwicklung als miniaturhafte Reliefs mit Figuren und Objekten entstandenen Teatrini. In der meisterlichen Verschmelzung von höchsten künstlerischen Ansprüchen und traditionellen kunsthandwerklichen Formentypen zeigt Melotti jenes gerade in Italien tief ausgeprägte Gespür für die alten keramischen Techniken auf. Zu nennen sind hier ebenso die über 500 bassorilievi aus Gips oder Terrakotta, die parallel als eigenständige, in sich geschlossene Werkgruppe entstehen und die weniger Flachreliefs als skulpturale, auch collagierte und bemalte Wandobjekte darstellen.
 
Kontrastiert wird diese Dichte und Schwere jener traditionellen Materialien ab den 1950er Jahren mit einer neuen skulpturalen Werkreihe, die an die Geometrien der 1930er anknüpft: Inspiriert von Calder und Giacometti führt Melotti seine Arbeiten in konstruktivistischer Klarheit und poetischer Erzählkraft zu filigraner Leichtigkeit und räumlicher Transparenz. Die grazilen, kunstvoll strukturierten Gebilde aus dünnem Draht in Löttechnik zeigen sich als dreidimensionale Zeichnungen im Raum, als fein verästelte Konstruktionen, in die Melotti oft bemalte Textilien, bunte Stoffbänder, Metall-Gespinste oder kleine figurative Plastiken integriert. Sein Ausspruch "Mein Tun ist ein Spiel und wenn es gelingt, ist es Poesie" steht bezeichnend für die gewichtslos wirkenden Skulpturen, die sich zwischen konstruiertem Minimalismus und geheimnisvoll sprechenden Bild-Metaphern verorten. Unbeeinflusst von äußeren Strömungen, welche die internationale Kunst seit den 1960er Jahren in schnellem Wechsel hervorgebracht hat, schafft Melotti sein unverwechselbares Spätwerk, deren Spannung sich über stete Gegenpole erzeugt: Figuration und Abstraktion, Phantasie und Ratio, Poesie und Realität, Leichtigkeit und Melancholie werden vereint zu einem weit ausgreifenden Werk der italienischen Moderne.
 
Fausto Melotti wurde 1901 in Rovereto bei Trient geboren. Seine Arbeiten fanden erst spät, Ende der 1960er Jahre weitläufige Beachtung und werden seitdem in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen, vor allem in Italien, geehrt. Eine erste große Retrospektive im deutschsprachigen Raum wurde im Jahr 2000 vom Institut Mathildenhöhe, Darmstadt, und dem Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, realisiert. 2010 widmete ihm die Kunsthalle Mannheim eine umfassende Werkschau, die im Folgejahr im Kunstmuseum Winterthur gezeigt wurde. Fausto Melotti verstarb 1986 in Mailand.

 
 
 
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