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Qiu Shihua

Galerie Karsten Greve Köln

 
Aura of Nature
4. September - 31. Oktober 2015
 
Vernissage: Freitag, den 4. September 2015, 18 - 21 Uhr
 
WERKE
 
Die Galerie Karsten Greve Köln freut sich, die Ausstellung Aura of Nature mit Gemälden des renommierten chinesischen Künstlers Qiu Shihua zu präsentieren.
 
Die erste Begegnung mit den zwischen 2000 und 2013 entstandenen Gemälden des 1940 in Sichuan geborenen Qiu Shihua ist bestimmt durch ein Irritationsmoment, denn statt einer benennbar abstrakten oder figürlichen Malerei breitet sich auf den zumeist großformatigen Leinwänden eine augenscheinliche Leere aus. Aus dem Nichts flächendeckender Weiß-in-Weiß-Tonigkeit, welche den Naturton der rohen Leinwand wie einen dünnen Schleier lasierend bedeckt, werden nur schwach und schemenhaft Kontraste und Konturen sichtbar. Schattierungen verdichten sich zu Hügeln und Tälern, Gebirgskämmen und felsigen Abgründen, Baumspitzen, Wolken und Wellen. Die Sonne blitzt auf als Lichtpunkt und Orientierungshilfe in den undurchdringlichen Nebelschwaden. Leichte Farbmodulationen in milchig-transparentem Grundton durchbrechen die Monochromie und offenbaren sich bei längerer Betrachtung als Überlagerung zartfarbiger Schichten in blassem Grau, Blau, Rosa, Gelb. Es sind minimale Hinweise, die eine Gegenständlichkeit andeuten.
 
Durch das kaum merkliche Zusammenspiel von Licht und Schatten und das folglich verzögerte In-Erscheinung-Treten dieser landschaftlichen Gegebenheiten ist der Vorgang der Bildwerdung entschleunigt, zugleich wird die ausgedehnte Auseinandersetzung mit der Leere zur intensiven Übung des Sehens und zur spirituellen Erfahrung. „Alles ist flach und ruhig. Form ist unwichtig. Es ist wie während der Meditation, wenn sich der ganze Kosmos in weißen Dunst auflöst. Hier scheinen Zeit und Raum ausgelöscht. Menschliche Begierden sind unwichtig.“ (Qiu Shihua) Denn die Landschaftsgemälde Qiu Shihuas sind keine realitätsgetreuen Abbilder oder Ergebnisse einer sorgfältigen Naturbeobachtung, sondern resultieren, von der konkreten Wirklichkeit entrückt, aus der Introspektion und Imagination, die Erinnerungen oder Ahnungen aufkommen lassen.
 
Wesentliche Kompositionselemente und Koordinaten erachtet Qiu als unwesentlich: „Für mich zählen Norden, Süden, Westen und Osten nichts, ebenso wenig wie Rot, Gelb oder Blau, und schon gar nicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit einer unendlichen Leere im Herzen gibt es weder Kommen noch Gehen; sie sind ein und dasselbe. So sind auch meine Werke: Einfach und blass, ruhig und leer. Alles Sein und Nicht-Sein ist in ihnen enthalten, vollständig abgeschlossen. In diesem Null-Zustand enthüllt sich die ursprüngliche Verfasstheit der Seele.“ In ihrer auf bloße Andeutungen reduzierten Anlage erweisen sich Qiu Shihuas Gemälde als Projektionsflächen für individuelle Impressionen, die von dem Betrachter einzubringen sind, um das Bild gleichsam zu beleben. Damit werden sie als Seelenlandschaften, Stimmungsbilder erlebbar. Nach Qius Auffassung ist der Vorgang der Betrachtung reziprok: Während der Betrachter das Bild in Augenschein nimmt, „blickt dieses zurück“. Beim Verweilen vor den Bildern findet eine Energieübertragung zwischen Betrachter und Bild statt, ein „Austausch kosmischer Kräfte“. Nicht das Was, sondern das Wie ist für diese Bilder, vom Geist taoistischer Lehre durchdrungen, essentiell. Durch die dialogische Dynamik einer interaktiven Rezeption eröffnen sich Möglichkeiten der Veränderung, sowohl auf Bild- wie auch auf Bewusstseinsebene.
 
Qiu Shihuas Kunst der Langsamkeit folgt einer ganzheitlichen Konzeption, in der Produktion und Rezeption, Werden und Vergehen zusammenfallen. Wichtig ist der Weg, nicht die Ursache oder das Ziel. Qiu merkt an, dass sich die Schöpfung eines Kunstwerkes im produktiven Übergang von Nichts zum Etwas und zurück zum Nichts vollzieht. Die vollendete Kreation, das abgeschlossene Produkt lehnt er als statisches Konzept ab und befürwortet stattdessen die ständige Prozesshaftigkeit ohne endgültige Fixierung. Als Maler beansprucht Qiu keine Autorität: Nicht er beherrscht das Bild, sondern das Bild leitet ihn, weist ihm den Weg.
 
So ist Qiu Shihua darauf bedacht, die taoistische Maxime „Handeln durch Nicht-Handeln“ auf die Malerei anzuwenden. Das Bild, die flüchtige Erscheinung, entsteht im Spannungsfeld zwischen Schein und Sein, im Zwischenraum der Kontraste Hell und Dunkel, Licht und Schatten. Zentrale Themen des Taoismus sind in der Landschaft – auch in den Gegensatzpaaren Fest-Fließend, Hoch-Tief – verankert. Umgekehrt basiert die traditionelle chinesische Landschaftsmalerei auf dem taoistischen Ganzheitsprinzip und der Vereinigung von Gegensätzen. Der chinesische Begriff für Landschaft, Shan-shui, setzt sich aus den Komponenten shan (Berg) und shui (Wasser) zusammen und betont in ihrer Zusammenführung die komplementäre Einheit beider unterschiedlichen natürlichen Gegebenheiten. Landschaft wird als Bewegung zwischen den Polen verstanden, als Wechselwirkung zwischen Oben und Unten, Vertikal und Horizontal, Hart und Weich, Opak und Transparent, usw.
 
Der Taoismus erkennt die Existenz im Wandel, in den Übergängen, die sich der Beschreibung und Beobachtung entziehen. Wie der Begründer des Taoismus Laotse nicht versucht, sich vom Unaussprechlichen, dem menschlichen Verstand sich Entziehenden ein Bildnis zu machen, so beobachtet auch Marcel Duchamp „eine Trennung, ein Intervall oder einen unmerklichen Zwischenraum, eine Entfernung oder Unterscheidung, die nicht wahrnehmbar ist, sondern nur durch die Vorstellungskraft erlebbar ist“ und prägt den Begriff des Inframince: Als „das Mögliche, das das Werdende einschließt – der Übergang vom einen in das andere findet im inframince statt“ reflektiert er Qiu Shihuas Weltanschauung und künstlerische Auffassung.
 
 
Geboren 1940 in Sichuan, China, begann Qiu Shihuas Auseinandersetzung mit der Malerei ohne eine vorangegangene künstlerische Ausbildung. 1962 schloss er an der Xi´an Kunstakademie ein Studium der Ölmalerei ab. Zu einer Zeit, als die Volksrepublik China sich gen Westen verschlossen hielt und den Sozialistischen Realismus als Propagandakunst förderte, begann Qiu Shihua Naturstudien im Freien zu betreiben. Während der Kulturellen Revolution in den 70er Jahren arbeitete er als Plakatmaler für ein Kino in Tongchuan. 1984 ließ er diese Tätigkeit hinter sich und besuchte Europa und die Gobi Wüste. Diese Erfahrungen bewirkten eine einschneidende Veränderung in seiner künstlerischen Produktion, welche fortan auch durch seine intensive Beschäftigung mit dem Taoismus bestimmt wurde. In diesem Zusammenhang löste sich Qiu Shihua von der unmittelbaren Landschaftsmalerei um sich stattdessen mit der Darstellungen seelischer Zustände zu widmen.
 
Das Werk von Qiu Shihua ist heute international bekannt und vielfach in Ausstellungen weltweit vertreten. Unter zahlreichen Gruppenausstellungen sind zu nennen: die Wanderausstellung Mahjong - Kunstmuseum Bern (2005), Hamburger Kunsthalle (2006) und Museum der Moderne Salzburg (2007) -, The Sublime is Now im Franz Gertsch Museum, Burgdorf (2006) und Shanshui im Kunstmuseum Luzern (2011). Seine Werke wurden auch auf den Biennalen von São Paulo (1996), Venedig (1999) und Shanghai (2004) ausgestellt. 2012 widmeten die Museen Hamburger Bahnhof, Berlin und Pfalzgalerie, Kaiserslautern Qiu Shihua umfassende Einzelpräsentationen. Qiu Shihua lebt und arbeitet in Shenzhen, China. 
 
 
PRESSE
Handelsblatt, "Radikal reduziert", 25. September 2015
 

 
 
 
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