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Roger Ballen

Galerie Karsten Greve Köln

Asylum of the Birds
30. Mai - 29. August 2015
 
Vernissage: Samstag, 30. Mai 2015, 16 - 20 Uhr
in Anwesenheit des Künstlers
 
Einführung von Damian Zimmermann, Journalist und Fotograf, um 17 Uhr
 
WERKE
 
BROSCHÜRE ZUR AUSSTELLUNG
 
Die Galerie Karsten Greve Köln freut sich, Werke des seit über 30 Jahren in Südafrika beheimateten Fotografen Roger Ballen in einer umfassenden Einzelausstellung zu präsentieren, in deren Mittelpunkt seine jüngste Werkgruppe Asylum of the Birds steht.
 
In diesen Fotografien, die meist zwischen 2008 und 2013 aufgenommen wurden, hält der 1950 in New York geborene Künstler (Alb-)traumszenarien von komplexer Symbolik fest. Die zugrunde liegenden, oft improvisierten Inszenierungen wurden allesamt in einem ärmlichen Haus am Rande von Johannesburg vorgenommen, wobei Ballen sowohl die Bewohner als auch die sie umgebenden Tiere für die Besetzung berücksichtigt. Die verschmutzten Wände, zerbeulten Kartonagen und fleckigen Stoffdrapierungen des verwahrlosten Interieurs bilden die Kulissen für Handlungen, die primär von Vögeln ausgehen. Seit der Antike als Symbol für die Seele bekannt, wird der Vogel auch von Ballen in seiner Verkörperung ungebändigten Freiheitsdrangs zur Darstellung des Unbewußten eingesetzt. Die damit einhergehende unwägbare Unruhe und Überraschung, das plötzliche und unkontrollierbare Moment, das in der ständigen Bewegung liegt, steigert die unwirkliche Anmutung der bühnenhaften Arrangements, denen immer ein psychologisches Moment innewohnt. Zudem werden sie spannungsvoll aufgeladen durch kryptische Zeichnungen von Ballen selbst oder von seinen Darstellern, welche als Chiffren des Unbegreiflichen und Unberechenbaren in Erscheinung treten.
 
In Ballens schöpferischem Selbstverständnis ist das Bild bzw. die Vorstellung schon im Unbewußten angelegt und lässt sich auf keinen Ursprung zurückführen. Auf praktischer Ebene geht es dem Künstler darum, ausgehend von einem Gegenstand, einer Person oder einer beiläufigen Begebenheit, eine Beziehungskette und somit eine Ordnung, ein sinnvolles Gefüge zwischen verschiedenartigen Elementen herzustellen. Die tatsächlich entstandenen Bilder sind ein Ergebnis zahlreicher Entscheidungen, wie die unzähligen Setzungen des Pinsels in einem Gemälde oder die genaue Wortwahl in einem Gedicht. Ballen versteht sich als Organisator, der das sichtbare Chaos in einen schlüssigen Zusammenhang überführt. Während das eingefangene Bild die Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit der condition humaine kommentiert, entzieht sich die Komposition doch der eindeutigen Interpretation und Festlegung von Bedeutung. So konstatiert Ballen: „Meine Bilder informieren nicht, sie sind kohärente Kommentare auf das Chaos einer unverständlichen Welt… Wenn ich die Bedeutung der Bilder bestimmen könnte, wären sie nichts weiter als bloße Fotografien.“
 
Ballen widmet sich somit dem Bild in seiner verrätselten Eigenschaft als Traum, Vision, Halluzination oder Fantasie, so dass seine Szenarien symbolhaft über sich hinausweisen und auf Urformen bzw. Archetypen verweisen, die auf allgemein menschliche Erfahrungswerte Bezug nehmen und im kollektiven Unbewußten eingeschrieben sind. Ballens Privatmythologie entspringt einer existenziellen Notwendigkeit, die eigene rätselhafte Identität herauszufordern. Unbeeindruckt von der Unterscheidung zwischen Realität und Imagination überwinden seine Aufnahmen die rein (dokumentarische) Fotografie und erzeugen aufgeladene Bildwelten, welche die Grenzen zwischen Fiktion – Dokumentation, Traum – Realität, Wahn – Wirklichkeit unterlaufen.
 
Mit der Entfernung Ballens vom realitätstreuen Abbild und der Hinwendung zum Bild als Manifestation eines geistigen oder psychischen Zustands vollzieht sich auch die Veränderung der von ihm eingesetzten Mittel. Zunehmend treten Zeichnung, Malerei und Graffiti in den Vordergrund. Während in den am Portrait orientierten Ansichten Ballens Protagonisten vor Wänden stehen, die mit ihren eigenen zeichnerischen Spuren und spontanen Markierungen übersät sind – gleichsam als erweiterte Charakterisierung ihrer selbst –, haben sich mittlerweile derartige Äußerungen verselbständigt und treten unabhängig von einer sichtbaren Bezugsperson wie Chimären auf Vorhängen, Wänden, Pappkartons auf. Wie von Geisterhand ausgeführt verschmelzen diese Zeichnungen mit den Darstellern und erinnern sowohl an die surreale Technik der écriture automatique als auch an die Art brut-Ästhetik von Jean Dubuffet und die Graffiti-Fotografien von Brassaï. Durch die Zusammenführung von Zeichnungen, Abbildungen in Zeitungsausschnitten, gemalten Konterfeits auf Karton, die den Akteuren vorgehalten werden, ergibt sich die Nähe zur Fotomontage oder auch zur Collage. Die geringe Tiefenperspektive und die unmittelbare Vordergründigkeit des Bühnenaufbaus wird durch punktuell platzierte plastische Elemente durchbrochen. Körperteile, Puppenfragmente, verbogene Kleiderbügel, schlangenartig gewundene Elektrokabel sowie Tierknochen öffnen die flächigen Anordnungen und ergeben vielschichtige Kompositionen.
 
In ihrer Annäherung an Malerei, Zeichnung, Installation überschreiten Ballens Schöpfungen die Grenzen der Fotografie. Ihre mediale Uneindeutigkeit berührt auch die Ebene des Theaters und der Sprache, zumal die einzelnen Kompositionselemente, die wie Chiffren oder verschlüsselte (Sinn-)Bilder anmuten, ihre Sinnhaftigkeit innerhalb eines übergeordneten Kontexts erhalten, dessen Kenntnis der Betrachter nicht zu erlangen vermag. Damit knüpft Ballen auch an das Absurde Theater an, welches die Thematisierung existenzieller Fragestellungen an eine komische Sinnentleerung von Sprache als konventionelles Kommunikationsmittel knüpft. Trotz seiner experimentellen Herangehensweise und der vielfachen Bezüge, welche die Werke herstellen, liegt eine Kontinuität in Ballens ungebrochener Verwendung des Mediums der Schwarz-Weiß-Fotografie, deren Minimalismus, Abstraktion und Subtilität der Künstler schätzt. Auch seine durchgehende Verhaftung am quadratischen Format der Abzüge lässt erkennen, dass Ballen die Form dezidiert festlegt, um die gleichberechtigte Existenz jedes Elements im Bild zu gewährleisten.

 
 
 
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