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Künstlerräume II

Gideon Rubin, Untitled (Pink Roof)
Gideon Rubin, Untitled (Pink Roof)
GALERIE KARSTEN GREVE KÖLN

30. Juni – 2. September 2017
 
Die Galerie Karsten Greve freut sich, mit der Sommerausstellung Künstlerräume II acht künstlerische Positionen in einem wechselvollen Parcours zusammenzuführen, die verschiedene inhaltliche und formale Qualitäten offenlegen. In der Galerie werden acht Raumsituationen geschaffen, die jeweils dem Werk eines Künstlers gewidmet sind. Diese Konzentration mündet nicht etwa in hermetisch abgeschlossene Parzellen, sondern gewährt durch ständigen Perspektivwechsel und der Verschiebung von Sichtachsen spannungsvolle Ein- und Durchblicke. Wie bei einer Reise ergeben sich einzelne „Stationen“ des Erlebens und Empfindens, gleichwohl mit Eindrücken und Erinnerungen aufgeladen, so dass das Gegenwärtige immer auch geprägt ist von dem Vergangenen.
 
Spontanes Staunen stellt sich gleich zu Beginn des Rundgangs angesichts der Werke von Georgia Russell (*1974 in Elgin, Schottland) ein. Ausgestattet mit einem Skalpell, verwandelt sie mit raffinierter Schnitttechnik Bücher, Fotografien, aber auch farbig bemalte Leinwände, in vibrierende, flirrende Objekte. Stets geleitet von ihrer Intuition und dem Anspruch, das vorgefundene Material als Träger einer Geschichte zu enthüllen und die Spuren dieser aufzudecken, nutzt Russell das klinische Schneidemesser als Zeichenutensil um verborgene, einer gesteigerten Sensibilität zugängliche Inhalte freizulegen. In ihren jüngsten Werken überlagert sie farbige Leinwände, so dass die filigranen Schlitze eine zarte, zwischen Fülle und Leere, Außen und Innen changierende Struktur ergeben, die an atmosphärische Erscheinungen und wechselvolle Lichtstimmungen der Impressionisten denken lässt.  
 
Im Gegensatz zu dieser Flüchtigkeit strahlen die Werke von Lawrence Carroll (*1954 in Melbourne, Australien) eine stille Monumentalität aus. Gleichermaßen Malereien wie plastische Körper zeigen sie sich als „malerische Konstruktion“, in deren Grund oder Oberfläche der Künstler Objekte einarbeitet. Auf diese Weise bricht er die oft pergamentartige, ledrige Außenhülle auf, um sie zugleich aber wieder neu zusammenzusetzen oder zu „reparieren“, wie er selbst diesen Vorgang bezeichnet. Zudem bestimmen Alters- und Abnutzungspuren, Zeichen von Verwitterung und Verfall die Kompositionen, deren Patina damit als Ausdruck von Geschichtlichkeit und Vergänglichkeit erscheint. Durch die Einbeziehung gewöhnlicher Objekte wie zerfledderte Schuhe, trockene Blumen oder Stofffetzen wirken sie wie ein modernes Memento mori.
 
Eine Art der Erinnerung, im Sinne einer bewahrenden Haltung, spiegeln die Werke von Claire Morgan (*1980 in Belfast, Nordirland) wider. In ihnen werden dramatische Interaktionen zwischen Tier und Natur wirkungsvoll inszeniert. Dabei gebraucht die Künstlerin einen Naturbegriff, der von ihrem ausgeprägten Umweltbewusstsein durchdrungen ist und den schonungslosen Umgang des Menschen mit den Ressourcen des Planeten beinhaltet. Ich untersuche Situationen, in denen die Natur auf Herausforderungen reagiert, die durch uns und unsere Nebenprodukte verursacht werden. (Morgan) In ihren ausgewogenen, ätherisch wirkenden Installationen und Szenarien umgibt Morgan fachkundig präparierte Tierprotagonisten mit mathematisch genau berechneten Polygonen und Kugeln, sowie architektonisch anmutenden, symmetrischen Einheiten. Es sind hauchzarte Gespinste, die allesamt aus lichtdurchlässigen und schwerelosen Materialien wie Pusteblumensamen, Fruchtfliegen oder zerrissener Kunststofffolie gefertigt und auf feine Nylonfäden gezogen werden. Diese überempfindlichen Konstruktionen sind von Morgan meist wie schwebende Käfige oder Sphären angelegt, welche die Tiere oft wie in einem märchenhaften Dornröschenschlaf sanft umfangen.
 
Die Menschen in Gideon Rubins (*1973 in Tel Aviv, Israel) Gemälden und Zeichnungen sind „gesichtslos“. An Stelle der Gesichtszüge erscheint ein heller, leerer Fleck, der sowohl malerische Strukturen als auch physiognomische Merkmale zu negieren scheint. Für solche gesichtslosen Portraits und szenischen Kompositionen greift Rubin auf Aufnahmen aus Fotoalben des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Auch Fotos von Medienstars aus Illustrierten und Gemälde Alter Meister nutzt der Künstler als Vorlagen. Rubins Figuren sind Projektionsflächen für beliebige Geschichten und zeugen von seiner Suche nach einer Narration, die das Individuelle zugunsten des Überindividuellen, Universellen überwindet und sich so einer Allgemeingültigkeit öffnet. „Je belangloser die eingefangene Szene, desto besser. Ich interessiere mich nicht für das Individuum oder die Einzelperson, ich ziehe es sogar vor, keine persönlichen Details zu erfahren. Sich alte anonyme Fotografien vorzunehmen und diese nachzuempfinden, ist wie den Spuren der Vergangenheit nachzugehen oder alte Geschichten ans Tageslicht zu bringen. Ich bevorzuge die rohe Leinwand oder den Stoff, und belasse sie oftmals im unberührten Zustand, so dass die fehlende Bemalung zum integralen Bestandteil des Gemäldes wird. Ich bemale eine Leinwand wieder und wieder, so dass Schichten vergangener Malvorgänge und Motive an die Oberfläche treten, um sich in einem Schlussbild zu verdichten, das durch die Überlagerung zahlreicher Gemälde und Geschichten zustande kommt.“  
 
Pierrette Blochs (1928 - 2017 in Paris, Frankreich) pulsierende Setzungen sind sowohl minimalistisch als auch von profunder künstlerischer Ausdruckkraft und zeugen von ihrer eingehenden Auseinandersetzung mit der Linie. Mit Collagen, Tusche auf Papier, Hartfaserplatten, Seil und Pferdehaar entwickelt Pierrette Bloch ihre reduzierte und doch ungeheuer nuancenreiche Formsprache – die im Wesentlichen aus Punkten, Linien und Strichen besteht. Mit der Variation dieser Grundelemente, sowie dem Kontrast von Schwarz und Weiß, lotet sie die Beziehung zwischen Leere und Fülle, dem 'Intervall' aus. Wie die musikalische Notenlinie, ist die horizontale Ausrichtung der Linie, ob in Tusche ausgeführt oder aus einem Pferdehaar geflochten, bei Bloch rhythmisiert durch Pausen, Wiederholungen und Unterbrechungen.
 
Matthias Weischers (*1973 in Elte, Deutschland) Darstellungen bewegen sich auf der schmalen Grenze zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei. Seine bis 2007 entstandenen Gemälde zeigen meist bühnenartige, menschenleere Innenräume in ungewöhnlichen Perspektiven, die durch abstrakte Elemente verfremdet sind. Die collagenartig kombinierten Elemente haben oft Zitatcharakter und gehen komplexe, mehrdeutige Beziehungen ein. Seit einem Aufenthalt als Stipendiat der Villa Massimo in Rom im Jahr 2007 widmet sich Weischer verstärkt der direkten Naturbeobachtung im Medium der Zeichnung. Er arbeitet seither vorrangig auf und mit Papier. Die konstruierten Interieurs werden zunehmend abgelöst von einer offenen Raumerfassung in kleineren Formaten mit helleren Farben, in denen natürliche und artifizielle Elemente, fiktiver und realer Raum ineinander übergehen.
 
 
Norbert Prangenberg (1949 in Rommerskirchen-Nettesheim – 2012 in Krefeld) bezeichnet seine dreidimensionalen Werke als Figuren, während Zeichnungen und Gemälde einfach Bilder sind. Alle Werke von Prangenberg spiegeln die Durchdringung von Handwerk und Kunst wider, sowie die Durchlässigkeit der Medien. Dieser ganzheitliche Ansatz, der auf einer Lehre in der Goldschmiedekunst als auch seiner Tätigkeit als Entwurfszeichner für Glashütten beruht, wird im Zusammenwirken von Figuren und Bildern anschaulich. So sind die ausgestellten Figuren mit malerischen Motivationen behaftet und erweisen sich gleichwohl als skulpturale Malereien wie malerische Skulpturen. Aus einer unvermittelten schöpferischen Motivation heraus generiert sich Prangenbergs Vokabular, das auf geometrische Grundformen konzentriert ist. Kreis, Raute, Dreieck, Oval, Quadrat sind Bausteine, die durch stete Wiederholung und räumliche Abwandlung als Kugel, Polyeder, Pyramide, Kubus auftreten, als Vertreter einer körperhaften Präsenz im Raum.
 
Als Ausgangspunkt des künstlerischen Schaffens von Manish Nai (*1980 in Gujarat, Indien) steht der Werkstoff Jute, ein Material, welches nicht nur in enger Beziehung zu Indien steht, sondern in besonderem Maße mit der Biografie des Künstlers verbunden ist. Berge von Jute türmten sich in der elterlichen Wohnung, als das Handelsunternehmen seines Vaters niederging. Das unmittelbare, schmerzhafte Erleben des Scheiterns gab den Anlass für den jungen Künstler, der zunächst Malerei studierte, sich mit den übrig gebliebenen, wertlosen Gütern zu beschäftigen und alltägliche Stoffe wie Leinengewebe und Tücher, aber auch alte Zeitungen zur Fertigung seiner Werke zu verwenden. Der Jutestoff ist in Indien allgegenwärtig, er dient gleichwohl zum Einpacken von Waren, zur Auskleidung von Gebäuden und wird zur Lagerstätte von zahlreichen Wander-Arbeitern. Beeinflusst von der Reduziertheit minimalistischer Kunst, sind Nais Werke nicht als Abbild zu verstehen, sondern als Ausdruck leibhaftiger Materialität. Nai erfasst Spuren von Abnutzung und Abtragung um ein „Portrait einer Stadt in ihren abgelegten Kleidern“ zu erschaffen. Ob gepresste Fäden und Falten oder halbzerfallene Reklamen, Unebenes, Abdrücke in einer Zementwand, Kratzer und Einschnitte auf Pappe, es sind „…die zufälligen Formationen des Alltags, die kleinen Überraschungen des Immergleichen“, die Manish Nai interessieren.
 
Neben diesen sind nach Anmeldung in unseren Ausstellungsräumen am Wallraf-Platz Werke der Künstler Robert Polidori, Mimmo Jodice, Sergio Vega, Yiorgos Kordakis, Paco Knöller und Leiko Ikemura zusehen.
 

 
 
 
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