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Manish Nai

GALERIE KARSTEN GREVE PARIS

Manish Nai, Ohne Titel, 2018, Jute und Holz, t = 10, 2 cm / 4 in, Durchmesser = 213,4 cm / 84 in
MN/S 36
 
"Materiality"
18. Mai - 27. Juli 2019

Vernissage am Samstag, 18. Mai, von 17.30 - 19.00 Uhr

in Anwesenheit des Künstlers

Veranstaltung im Rahmen des Paris Gallery Weekend

 

Die Galerie Karsten Greve präsentiert Ihnen Materiality, die neue Einzelausstellung des indischen Künstlers Manish Nai; geboren 1980 in Gujarat. Seit 2009 von der Galerie repräsentiert, möchte er zu diesem Anlass eine Auswahl aktueller (2014 - 2018) Werke präsentieren, die Skulptur und Installation, aber auch Zeichnung, Malerei und Fotografie umfassen.

Manish Nai begann seine Karriere Anfang der 2000er Jahre, zu einer Zeit, als der indische Markt für zeitgenössische Kunst einen Aufschwung erlebte und besonders von figurativer und farbintensiver Kunst getragen wurde. Mit seinem kühnen, klaren und sparsamen Umgang mit Form und Farbe folgt er dem Minimalismus und der westlichen Tradition der Abstraktion in stärkerem Maße als seinen indischen Landsleuten. Tatsächlich versteht Manish Nai sein Werk als Gegengewicht zum florierenden Treiben der indischen Städte und bietet dem Betrachter damit Objekte, die es dem Geist ermöglichen, sich in einer von Spiritualität geprägten Stille neu zu orientieren. Dennoch wird in Nais Werk eine geometrisch orientierte Ästhetik mit einer Reihe von Medien gepaart, die eine tief verwurzelte kulturelle Bedeutung haben. Wie in der von ihm bewunderten Art Povera spielen kulturelle Verknüpfungen eine wichtige Rolle in seinen Werken. Das wachsame Auge, das er auf die sozioökonomische und kulturelle Situation seines Landes wirft, steht zwar im Mittelpunkt seines kreativen Schaffens, produziert aber keine militante Kunst. Der Künstler weist jedes politische Urteil zurück und konzentriert sich vor allem auf die Ausdrucksmöglichkeiten des Materials und das Trompe l'oeil. Besonders auffällig sind diese in seinen Pastellzeichnungen, aber auch in zwei Wandtafelserien aus Moskitonetzen. In einer dieser, erzeugen überlappende Schichten eine optische Illusion, die an schimmernde Seide erinnert: in der anderen verleihen Waschungen mit Wasserfarbe, der Farbe die aus dem Netz hervorgeht, eine beispiellose Tiefe.

Das Interesse des Künstlers an den ästhetischen Potenzialen von Alltagsgegenständen zeigt sich auch in der Verwendung von gepresster Juteleinwand, Karton und Zeitung: den emblematischsten Elementen seiner Werke. Manish Nais Art, seine Materialien zu verdrehen und zu komprimieren, liegt an der Grenze zwischen Malerei und Skulptur und verleiht diesen rauen Oberflächen eine außergewöhnliche dreidimensionale Wirkung. Die Entscheidung des indischen Künstlers, die physischen

 

Qualitäten eines so steifen, rauen Stoffes in seinen natürlichen Tönen zu nutzen, erinnert an Alberto Burris Ansatz und dient auch dazu, sein Werk fest in der wirtschaftlichen und sozialen Geschichte seines Landes zu verankern. Seit der Kolonialzeit ist das Herz der indischen Wirtschaft in der Tat von der Produktion von Jute- und Leinentaschen für den Lebensmittelhandel abhängig. Die jüngste globale Wirtschaftskrise hatte jedoch erhebliche Auswirkungen auf diesen Sektor und zwang viele Unternehmer, darunter auch den Vater des Künstlers, ihre Werkstätten zu schließen. Diese Situation ermöglichte dem Künstler den Zugang zu einem Grundstoff, der in seiner Vorgehensweise einen vorherrschenden Platz eingenommen hat. Das indigoblaue Färben der Jute verleiht den Bündeln eine spirituelle Dimension. Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus ist dieses traditionelle, typisch indische Pigment voller Symbolkraft und bleibt untrennbar mit dem politischen Schicksal des Landes verbunden. Dies galt insbesondere während der Revolte der Indigoproduzenten gegen die englischen Siedler im Jahr 1917, in der Gandhi seinen Standpunkt gegen Gewalt entwickelte, und war von grundlegender Bedeutung für den Kampf um die Unabhängigkeit und die Gründung der Indischen Republik. Der Künstler bringt die ethnische Vielfalt des Subkontinents durch die Verwendung von gepressten Zeitungen zur Geltung und liefert somit eine Auswahl der täglich mehr als hundert Millionen verkauften Exemplare in jeder der 22 Amtssprachen des Landes. Und schließlich verhalten sich die Aluminiumtafeln, die kürzlich in die "Cluster" Serie aufgenommen wurden, ähnlich wie die Installationen von Carl André in den späten 1960er Jahren: quadratische Oberflächen von unbearbeiteten Materialien - Aluminium, Blei, Magnesium, etc. - werden horizontal direkt auf den Boden gelegt, was die Art und Weise, wie Malerei und Skulptur präsentiert wird, umkehrt. Indem er Verweise auf die abstrakten Bewegungen der zeitgenössischen westlichen Kunst mit der kollektiven Lebenserfahrung seines Landes verbindet, schafft Manish Nai sehr bewegende Stücke.

 

Im Bezug auf die Form: das Erbe des modernistischen Experimentierens war für Manish Nai von grundlegender Bedeutung. Orthogonalität, Symmetrie und modulare Wiederholung sind wiederkehrende Faktoren in seinen Werken. Besonders bemerkenswert ist die Anordnung der Bilder in einem Raster in der Fotoserie Billboards. Diese Fotos zeigen die Plakate, die die Straßen von Bombay säumen, die nun aufgrund der jüngsten Weltrezession größtenteils leer stehen. Je nach Bedarf des jeweiligen Werbetreibenden bestehen diese riesigen Palimpseste aus einer Anordnung von Oberflächen. Durch die Art und Weise, wie sie an den Straßenrändern fotografiert wurden, wird in diesen Kompositionen der Begriff des Glücksfalls oder des Zufalls deutlich: Die zufällige Neupositionierung von Flächen führt dazu, dass Spuren alter Anzeigen zurückbleiben und so abstrakte Kompositionen entstehen, die keine Kommunikationsfähigkeit haben, aber neu mit dem Potenzial zu völlig abstrakter Ästhetik ausgestattet sind. Angeregt durch eine soziologische Auseinandersetzung mit Mumbais öffentlichem Raum gelingt es dem Künstler, durch die Anordnung modularer Elemente eine Art formale Sparsamkeit zu erreichen. Rosalind Krauss beschreibt in ihrem einflussreichen Essay dieses Grid-Layout als ein Vorbild der modernen Kunst, das zwei gegensätzliche Elemente trägt: Einerseits ist es emblematisch für materialistisches Denken - eine rationale und antimimetische Konfiguration - andererseits können Künstler es dank seiner autotelen Eigenschaften als Mittel nutzen, um eine gewisse universelle Spiritualität zu erreichen. Aus diesem Grund haben Manish Nais Werke diesen modernistischen Blickwinkel übernommen und vermitteln, was Rosalind Krauss der Rasternutzung zugeschrieben hat: die Fähigkeit, die gegensätzlichen Kräfte von Vernunft und Spiritualität zu verbinden. Dank der soziokulturellen Bezüge, die Nai zum zeitgenössischen Indien herstellt, sind geometrische Formen zu starken Vektoren der Kommunikation in seinen Werken geworden.

 
 
 
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