Sie sind hier

Raúl Illarramendi

GALERIE KARSTEN GREVE AG ST. MORITZ

Evidence of Absence
25. Februar - 1. April 2017
 
Vernissage: Samstag, 25. Februar 2017, 18 - 20 Uhr
in Anwesenheit des Künstlers
 
WERKE
 
In der aktuellen Ausstellung in der Galerie Karsten Greve AG St. Moritz werden neue Werke von Raúl Illarramendi gezeigt, welche die Grenze zwischen Zeichnung und Malerei ausloten und zugleich aufzuheben scheinen. Der 1982 in Caracas, Venezuela, geborene Künstler führt anhand seiner Beobachtung und Wiedergabe unscheinbarer, bisweilen auch unansehnlicher Stellen im urbanen Raum seine meisterhafte Beherrschung einer aufwendigen Technik des Farbauftrags mit Grafit- und Buntstiften vor, mit der er systematisch das Medium der Malerei untersucht.
 
Illaramendi spürt öffentliche Orte auf, an denen sich Zeugnisse spontaner menschlicher Aktivität, sowie flüchtige, durch wiederholten Gebrauch und Verwitterung allmählich eintretende Veränderungen von Oberflächen ablesen lassen. Mit aufmerksamen Blick sammelt er beim Spaziergang Schlammspritzer, Fingerspuren auf Staubablagerungen, Korrosionsflecken, Kratzer und andere ephemere Erscheinungen auf Gehwegen, Autohauben, LKW-Planen, Abfallcontainern, Garagentoren. Obwohl diese Manifestationen sich weder durch Besonderheit noch Beständigkeit auszeichnen und damit kaum bildwürdig anmuten, werden sie von Illarramendi fotografisch dokumentiert und katalogisiert. Sie bilden das Repertoire an Vorlagen, aus dem er seine Motive schöpft und sich seine ästhetische Sensibilität entfaltet.
 
Für Illarramendi ist die Beschaffenheit von Oberflächen nicht nur bildfüllendes Motiv, auch ergibt sich - in ähnlicher Weise wie der Untergrund wesentlich zur einzigartigen Qualität der Freskomalerei beiträgt - die Wirkung seiner Werke  mitunter aus der bewußten Behandlung der Oberflächen der Bildträger. Nachdem die Leinwand in einem anspruchsvollen Verfahren mehrmals grundiert, abgeschliffen und schließlich mit einer Gouacheschicht versehen wird, entsteht eine Oberfläche, die der feinen Haptik von Papier entspricht. Auf diesem ebenmäßigen Grund setzt Illarramendi unzählige feine Striche mit Grafit- und Buntstiften, deren dichtes Nebeneinander und sanfte Verwischungen die einzelnen Markierungen auflösen und in leuchtende Farbnebel aufgehen lassen. Die exquisite Mattigkeit der Leinwand steigert die weiche, fast pudrige Farbwirkung der diffusen Pigmentschichten, die durch kontrastierende Setzungen durchbrochen werden. Dabei entstehen solche bildlichen Spuren durch freigelassene, also negative Bereiche. Erst mit dem Ausfüllen der sie umgebenden Partien tritt die Information hervor. Mit einem untrüglichen Gespür für die Textur von Oberflächen und beeindruckendem koloristischem Feingefühl hat der Künstler die flächendeckende Ausgestaltung der Leinwand vorgenommen. Illarramendi verwandelt, ja sublimiert die konkrete Realität der poveren Ausgangssituation und verleiht einem schmuddeligen Asphaltstück die Aura des Einzigartigen und Unverwechselbaren.
 
Dabei verweist der so entstandene Eindruck von Immaterialität und Spiritualität auf den Übergang in die malerische Abstraktion. Denn es geht Illarramendi weder um die Zeichnung in ihrer eindeutigen Erkennbarkeit als solche noch um die genaue Identifikation des abgebildeten Sujets. Vielmehr ermöglicht ihm die Zeichnung derart unbestimmter Formen eine Annäherung an die Mittel der Malerei. Illarramendi strebt danach, den amorphen Anordnungen von Klecksen, Schlieren, Tropfen, Verwischungen, kurzum, all den zufälligen Spuren im Stadtbild eine abstrakte (Ab)Geschlossenheit und Schlüssigkeit zu verleihen, sie als ein malerisches All-Over zu begreifen, welches er mit zeichnerischen Mitteln erfasst. Die einzelnen Striche des Stiftes und damit die `verräterischen´ Spuren des Mediums Zeichnung treten hinter einer malerischen Gesamtauffassung zurück, die durch „das fließende und kontinuierliche Ausfüllen einer Fläche durch Farbe“ (Illarramendi) zustande kommt.
 
Die Zeichnung wird somit von Illarramendi explizit als Mittel zur Darstellung von Malerei begriffen. Dafür hat er nach eigener Aussage „die Zeichnung verbogen, sie gezwungen etwas zu tun, was ihr widerstrebt, nämlich die Linie zu negieren als ein Mittel, um den Raum zu strukturieren.“  Mit der Kaschierung einzelner zeichnerischer Setzungen durch weiche Übergänge und Überblendungen, bewirkt er ihre Auflösung im ganzheitlichen Eindruck. Darüber hinaus betont Illarramendi den materiellen Aspekt der Malerei und modelliert die Beschaffenheit der Farbmaterie, ihre pastose oder lasierende Qualität. So sind seine Werke insgesamt als „gezeichnete Malerei“ zu betrachten, die in der Auseinandersetzung mit alltäglichen und vergänglichen Spuren einen Ausgangspunkt nehmen, um über die Abstraktion eine Vielzahl „malerischer“ Erscheinungen zu entdecken, in denen Illarramendi „dazu verführt wird, in all diesen Ausdrucksmöglichkeiten die Malerei schlechthin zu erkennen.“
 
 
 

 
 
 
© 2019 Galerie Karsten Greve: Alle Rechte vorbehalten.  |  Impressum | Datenschutzbestimmungen
Für den Newsletter anmelden

Find Us on FacebookFind Us on InstagramFind Us on PinterestFind Us on YouTube

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer