Qiu Shihua:

Galerie Karsten Greve, Köln
Dienstag - Freitag, 10 - 18.30 Uhr
Samstag, 10 - 18 Uhr
Vernissage
am Freitag, 30. Januar 2026, 18 - 20 Uhr
Die Galerie Karsten Greve widmet Qiu Shihua (1940–2025) seine fünfte Einzelausstellung am Standort Köln und präsentiert eine Auswahl bedeutender Werke auf Leinwand und Papier, von denen viele erstmals öffentlich gezeigt werden. Die Arbeiten stammen aus einem Konvolut, das der Künstler der Galerie noch zu Lebzeiten anvertraute. Die Ausstellung würdigt ein außergewöhnliches Œuvre, in dem Qiu Shihua über Jahrzehnte hinweg eine singuläre Position zwischen der jahrtausendealten Tradition der chinesischen Landschaftsmalerei und einer radikal reduzierten Bildsprache entwickelte. Seine Arbeiten formulieren eine künstlerische Haltung, in der Wahrnehmung, Zeit und Philosophie untrennbar miteinander verbunden sind.
Auf den ersten Blick erscheinen Qiu Shihuas Gemälde beinahe leer: helle, zurückhaltende Bildflächen, in denen sich Farbe und Form scheinbar auflösen. Doch in der konzentrierten, gar kontemplativen und meditativen Betrachtung beginnen sie sich nuancenhaft zu offenbaren: Berge, Wälder und Gewässer treten behutsam aus feinsten Farblasuren hervor, stets fragil und flüchtig, um sich im nächsten Moment wieder zu entziehen. Das Sehen wird zu einem zeitgebundenen Prozess, der sich nicht beschleunigen lässt und dessen Ergebnis stets vergänglich bleibt. Seine Malerei entfaltet sich nicht auf einen Blick, sondern als sanftes Werden und Verschwinden, das Aufmerksamkeit und Hingabe verlangt.

Die Arbeiten entziehen sich der unmittelbaren Lesbarkeit und bleiben in einem Zustand beständiger Wandlung. Die Offenheit der Wahrnehmung und das fortwährende Entgleiten des Motivs führen in einen Zustand, der nicht festlegt, sondern im Schwebezustand verweilt:
„Meine Bilder sind wie eine Tür, durch die jeder eintreten kann.“
QIU SHIHUA
In der radikalen Reduktion seiner Bildsprache spiegelt sich eine meditative Tiefe, die auf taoistische Denkweisen verweist. Im Taoismus, zu dem sich Qiu Shihua bekannte, wird das Leben als Teil eines natürlichen, sich ständig wandelnden Ganzen begriffen. Im Mittelpunkt steht das Dao, ein nicht fassbares Prinzip, aus dem alles entsteht und in das alles zurückkehrt. Gegensätzliches, wie das Sichtbare und Unsichtbare, Leere und Fülle, Stillstand und Transformation werden nicht als Widersprüche verstanden, sondern als sich ergänzende Kräfte eines fortlaufenden Wandels.
Verwurzelt in der klassischen Shan-Shui-Malerei führt Qiu Shihua deren philosophische Grundlagen in eine reduzierte Bildsprache über. Shan (Berg) und Shui (Wasser) fungieren dabei weniger als konkrete Motive, sondern als komplementäre Einheit gegensätzlicher Kräfte. In dieser Spannung von Ruhe und Bewegung, Dichte und Leere entfaltet sich eine Malerei, die nicht Abbildung, sondern Erfahrung ist. Qiu Shihuas Bilder eröffnen einen Raum der stillen Betrachtung, in dem Wahrnehmung als offener, nie abgeschlossener Prozess erfahrbar wird und das Unsichtbare eine ebenso prägende Rolle spielt wie das Sichtbare. Qiu Shihua lädt ein, das Sehen zu verlangsamen und die Flüchtigkeit des Augenblicks bewusst zu erfahren. Seine Malerei fordert diese Erfahrung und steht damit in bewusster Opposition zur visuellen Überreizung der Gegenwart: Im Hier und Jetzt des Sehens liegt die zeitlose Aktualität seines Schaffens.

Qiu Shihua wurde 1940 in Zizhong in der chinesischen Provinz Sichuan geboren und verstarb im August 2025. Angetrieben von seiner Neugierde erlernt Qiu Shihua die Malerei, indem er malt, was er sieht. Er besucht die Kunstakademie von Xi’an in der Provinz Shanxi, wo er 1962 sein Abschlussdiplom erhält, geprägt von der traditionellen chinesischen Malerei und dem sozialistischen Realismus, in einem der westlichen Welt und seiner Kunst verschlossenen China. Im Laufe der 70er Jahre, während der kulturellen Revolution, arbeitet Qiu Shihua als Plakatmaler in einem Kino in der Stadt Tongchuan, kehrt jedoch 1984 an die Xi’an Kunstakademie zurück. Reisen nach Europa beeinflussten wesentlich die Entwicklung seines Malstils. Außerdem begibt er sich zu dieser Zeit auch in die Wüste Gobi und beginnt, sich für den Taoismus zu interessieren, zu dem er sich schließlich auch bekennt. Dies bewirkt eine große Veränderung in seinem künstlerischen Schaffen: Er malt nicht mehr draußen, sondern widmet sich der Landschaftsmalerei in seinem Atelier. Seine Werke sind nun viel mehr Eindrücke der Erinnerung sowie natürliche Atmosphären als die Darstellung der physischen Wirklichkeit. Qiu Shihua übernimmt das taoistische Konzept „Handeln durch Nicht-Handeln“ – die Dinge entstehen, indem sie ihren eigenen Weg zurücklegen – oder vielmehr umgekehrt: Nicht-Handeln durch Handeln. Aus dem schaffenden Handeln entsteht seine Malerei, die durch ihre sichtbare Abwesenheit Fragen aufwirft.
Während der 1990er Jahre fanden erste Einzelausstellungen in Galerien in China und Taiwan statt. Außerdem wurden seine Werke auf der Biennale São Paulo (1996) ausgestellt, wo er Ehrengast war, sowie 1999 auf der 48. Biennale von Venedig, 2001 auf der 2. Biennale von Berlin und 2004 auf der 5. Biennale von Shanghai. Seine Werke wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, unter anderem in der Zacheta Gallery of Art, Warschau (2003); in einer Wanderausstellung im Kunstmuseum Bonn (2005), in der Hamburger Kunsthalle (2006) und im Museum der Moderne, Salzburg (2007); im Museum Franz Gertsch, Burgdorf (2006); in der Fundació Joan Míro, Barcelona (2008); im Kunstmuseum Luzern (2011); im Metropolitan Museum of Art, New York (2013); in der Vancouver Art Gallery (2014); im Marta Herford (2015); im Noordbrabants Museum, s‘-Hertogenbosch (2018), im Long Museum, Shanghai sowie im Museum Rietberg, Zürich (2020); in der Akademie der Künste, Berlin (2021); im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln (2022-23) und im Kunsten Museum of Modern Art, Aalborg (2022).
