Louise Bourgeois:

Galerie Karsten Greve Köln
Dienstag - Freitag, 10 - 18.30 Uhr
Samstag, 10 - 17 Uhr
Vernissage
am Freitag, 4. September 2026, 18 - 21 Uhr
im Rahmen der DC Open Galleries
Die Galerie Karsten Greve Köln präsentiert eine umfassende Einzelausstellung von Louise Bourgeois. Gezeigt werden rund 50 Arbeiten aus Louise Bourgeois‘ skulpturalem und zeichnerischem Œuvre, entstanden zwischen 1947 und 2008. Fast ein Jahrzehnt nach der letzten Präsentation ihrer Papierarbeiten in der Kölner Galerie eröffnet die Ausstellung den Dialog mit dem skulpturalen Schaffen der Künstlerin und offenbart zugleich neue Perspektiven. Die Präsentation steht in der Tradition der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Louise Bourgeois und Karsten Greve, die mit Bourgeois' erster Einzelausstellung in der Galerie Karsten Greve Köln bereits im Jahr 1990 ihren Anfang nahm - ein künstlerisches Werk von ungebrochener Aktualität, das die Kunstgeschichte nachhaltig geprägt hat und bis heute nachwirkt.
Über Jahrzehnte hinweg entwickelte Louise Bourgeois eine unverwechselbare Bildsprache, in der eigene Lebensgeschichte und universelle Fragen nach Identität, Körper, Begehren, Verlust und menschlicher Beziehungen untrennbar miteinander verschmelzen. Ihr Werk entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung und bewegt sich zwischen Skulptur, Installation, Zeichnung, Malerei und Druckgrafik. Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens waren biografische Erfahrungen, die Bourgeois jedoch nicht als private Erzählung im engeren Sinne verstand. Vielmehr überführte sie Seelenlandschaften, Verletzungen und emotionale Erfahrungen in archetypische Bilder. Ihre Arbeiten eröffnen einen Raum, in dem individuelle Erfahrung und kollektive Erinnerung miteinander in Beziehung treten.
Woman with a Secret (1947–1949) gehört zu Louise Bourgeois’ Personnages. Die stelenartigen Skulpturen verkörpern Gedanken an Familie und Freunde, die sie nach ihrer Emigration aus Frankreich zurücklassen musste. Die Zeit nach der Übersiedlung in die USA war von tiefer Nostalgie sowie dem Spannungsfeld zwischen Entwurzelung und Neuanfang geprägt. Beeindruckt von der Vertikalität der Wolkenkratzer Manhattans, ihrer neuen Heimat, schuf Bourgeois mehr als achtzig Skulpturen aus Holz und Bronze. Diese greifen nicht nur die aufragende Architektur der Stadt auf, sondern reflektieren zugleich die reduzierte Bildsprache der Moderne. Sie besitzen einen individuellen Ausdruck und treten als eigenständige Persönlichkeiten in Erscheinung. In Woman with a Secret tritt zudem erstmals eines der zentralen Motive ihres späteren Œuvres hervor: die Figur der Frau und Mutter. Das Werk verbindet die Erinnerung an persönliche Beziehungen mit einer vielschichtigen Auseinandersetzung von Weiblichkeit und Fürsorge. Brother and Sister (1949) abstrahiert die psychologische Dynamik von Nähe und Distanz zwischen zwei Menschen und verdichtet Bourgeois’ anhaltendes Interesse, emotionale Zustände und zwischenmenschliche Beziehungen in plastische Form zu überführen. In der Skulptur verschmelzen organische und anthropomorphe Anklänge zu einer vieldeutigen, symbolisch aufgeladenen Gestalt. In ihrer reduzierten Form wird sie zum Sinnbild einer Beziehung, in der Verbundenheit und Trennung, Schutz und Verletzlichkeit zugleich angelegt sind.
Ab den späten 1990er-Jahren erweiterte Bourgeois ihr skulpturales Vokabular um Textilien und Stoffe, wenngleich textile Materialien ihr Werk bereits seit den Anfängen autobiografisch durchziehen. Besonders intensiv arbeitete sie in ihrem Spätwerk ab den 2000er-Jahren mit Stoffen und gebrauchter Kleidung. Aufgewachsen in einer Familie, die eine Werkstatt für die Restaurierung historischer Tapisserien betrieb, stehen die Textilarbeiten in engem Zusammenhang mit ihrer Herkunft. Ihre Mutter arbeitete als Weberin in der Restaurierung und widmete sich dem Bewahren, Reparieren und Wiederherstellen beschädigter Gewebe. Schon im Kindesalter nahm Bourgeois den Stoff nicht nur als Material wahr, sondern als Träger von Erinnerung und Zeit.
Das Nähen, Flicken und Verbinden wird in ihrem Werk zu einer poetischen Metapher für Heilung. Was beschädigt scheint, wird bewahrt, zusammengefügt und in eine neue Form überführt. In der hängenden Skulptur Arch of Hysteria (2000) greift Bourgeois die historische Darstellung der sogenannten Hysterie auf, wie sie sich unter anderem in den fotografischen Studien weiblicher Patientinnen des französischen Neurologen Jean-Martin Charcot im 19. Jahrhundert zeigt. Bourgeois löst dieses Motiv aus seinem medizinisch-pathologischen Kontext und verwandelt es in einen Zustand emotionaler und körperlicher Spannung. Die sichtbaren Nähte und Verbindungen des Stoffes verweisen auf Verletzungen und Heilungsprozesse: Der Körper erscheint als ein mit Erfahrung aufgeladenes Gewebe mit Brüchen und wiederhergestellten Beziehungen und wird zum Speicher emotionaler Spuren.
Neben der Skulptur war auch die Zeichnung ein essentielles Ausdrucksmittel für Louise Bourgeois und begleitet ihr künstlerisches Schaffen von den Anfängen bis zu ihrem Tod. Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Druckgrafiken und Collagen fungierten für sie wie ein visuelles Tagebuch als unmittelbare Aufzeichnungen von Gedanken und inneren Zuständen. Bourgeois verstand das Zeichnen als Ausdruck des Denkens und Erinnerns. Ihre frühen Papierarbeiten zeigen organische, spiralförmige und biomorphe Strukturen, in denen die Grenzen zwischen pflanzlichen und menschlichen Formen verschwimmen. Ab den 1960er-Jahren intensiviert sich Bourgeois‘ Interesse an Körperlichkeit und Sexualität. Die Formsprache erweitert sich durch phallische und weiblich konnotierte Elemente, die mit organischen und architektonischen Formen verschmelzen. In ihrem Spätwerk kehrte sie erneut zu Themen der Mutterschaft und der frühesten menschlichen Bindung zurück. Das Motiv der Brust wurde dabei zu einem zentralen Symbol für Nahrung, Schutz und Abhängigkeit sowie der ambivalenten Beziehung zwischen Verletzlichkeit und Fürsorge.
Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach dem Tod von Louise Bourgeois entfaltet ihr Werk weiterhin eine ungebrochene Intensität. Zwischen Verletzlichkeit und Stärke, Erinnerung und Transformation eröffnen sich zeitlose Perspektiven auf das Menschsein. 36 Jahre nach der ersten Präsentation von Bourgeois’ Werk in Köln lädt die Galerie Karsten Greve dazu ein, dieser außergewöhnlichen künstlerischen Sprache erneut zu begegnen.
Louise Bourgeois (Paris 1911–New York 2010) zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Nach ihrer Ankunft in New York im Jahr 1938 entwickelte sie über sieben Jahrzehnte hinweg ein einzigartiges Œuvre, in dem persönliche Erfahrungen, familiäre Prägungen und universelle menschliche Themen miteinander verschmelzen. In Skulpturen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Textilarbeiten erforschte sie die Grundbedingungen des Menschseins – Körper, Mutterschaft, Begehren, Angst und Verlust – und überführte das Private in eine symbolische Bildsprache. Ihre erste Einzelausstellung fand 1945 in der Bertha Schaefer Gallery in New York statt. Während ihr Werk zunächst vor allem in den Vereinigten Staaten Beachtung fand, markierte die große Retrospektive des Museum of Modern Art in New York im Jahr 1982 einen internationalen Wendepunkt in ihrer Rezeption. Ab 1989 folgten bedeutende Ausstellungen in Europa. Die Galerie Karsten Greve vertritt ihr Werk seit 1990 und hat mit zahlreichen Ausstellungen und Publikationen wesentlich zur internationalen Wahrnehmung beigetragen. 1992 nahm Bourgeois an der documenta 9 teil, 1993 war sie auf der Biennale di Venezia vertreten. Heute befinden sich ihre Arbeiten in den bedeutendsten Sammlungen weltweit, darunter im Museum of Modern Art, New York, im Solomon R. Guggenheim Museum, New York, in der Tate Modern, London, im Centre Pompidou, Paris, sowie im Guggenheim Museum Bilbao.
